Als das Universum das Licht wiederfand – Achtsames Märchen über das Erkennen von Stärken

Als einmal das ganze Universum dunkel wurde und wie es das Licht wiederfand

Von Carmen Nik Nafs

 

Vor langer, langer Zeit gab es einen Tag, an dem das ganze Universum mit einem Mal stockfinster war. Im selben Moment erloschen auch auf der Erde alle Lichter. Ein Sonnensturm war vorher 20 Tage am Stück durch das Universum gewütet, vor und zurück, nach Norden und Süden. Der Sonnensturm hatte zur Folge, dass sich alle in ihren Häusern versteckten und alles festbanden, was sie sichern konnten. 20 Tage lang hielten sich alle Lebewesen im Universum die Ohren zu und hofften, dass es bald vorbei sein würde. So laut und angsteinflößend war der Sturm. Als der Tag dann endlich kam, wussten die Wesen nicht mehr, wo vorne und hinten war.

Am dunkelsten im ganzen Universum wurde es während des Sonnensturms in der Galaxie des Lichts auf dem Planeten Lichterwald. Dort leben die Lichterwaldwesen, die sich darum kümmern, dass es genug Licht für all die Sterne und die Erde gibt. Alles, was im Universum leuchtet, leuchtet durch die Kraft der Lichterwaldwesen. Auch die Wärme im Universum geht von ihrem goldenen Licht aus. An diesem stockfinsteren Tag waren die Lichterwaldwesen jedoch völlig verzweifelt. Sie hatten einfach keine Kraft mehr sich und das ganze Universum zum Leuchten zu bringen. An den Millionen von Tagen zuvor war es Ihnen gelungen, Licht auf ihrem Lichterwaldplaneten zu erzeugen. Aber kein Sonnensturm hat je so lange das Universum durchgeschüttelt. 

An jenem Tag, als die Dunkelheit einzog, leuchteten die Hände der Lichterwaldwesen nur noch schwach. Und das war schlimm für alle im Universum. Denn die Lichterwaldwesen hatten eigentlich leuchtende Hände. Ein warmes, goldenes Licht kam von ihren Händen und damit brachten sie auf verschiedene Weisen ihren Planeten und schließlich die Galaxien zum Leuchten. Doch an diesem dunklen Tag wurde nicht nur das Licht des Lichterwalds immer schwächer. An diesem dunklen Tag stritten die Lichterwaldwesen viele Stunden darüber, wie man das Licht wieder bekam. Es endete damit, dass man im Universum jede Tür fast jeder Lichthütte knallen hörte. So verzweifelt waren die Lichterwaldwesen. 

Phoenixos, ein 12 jähriger Lichterwaldjunge hatte den Streit mitgehört und war nun zum Nachdenken in seine kleine Hütte zurückgegangen. Ohne die Tür zu knallen. Er holte stattdessen sein kleines Weltraumradio unter dem Bett hervor und drehte es laut. Aumio, das Weltraumwesen, dem er seit einigen Wochen lauschte, begann zu sprechen: “Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Aumionautis. Heute ist ein ganz dunkler Tag. Wie sollen wir uns denn da nur sehen? Vielleicht brauchen wir keine großen Lichter. Vielleicht brauchen wir nur ein kleines, irgendwo, das ganz hell leuchtet. Vielleicht brennt gerade vor euch auf dem Tisch eine kleine Kerze. Ist das nicht schön, wie viel Licht eine so kleine Kerze spenden kann?” Phönixio, der nachdenklich aus dem Fenster geschaut hatte, erblickte nun aus dem Augenwinkel, dass weit hinten auf der Waldlichtung eine Hütte leuchtete. Zwar nicht überaus hell, aber heller als die anderen. Phoenixos entschied: “Das muss ich herausfinden. Warum leuchtet diese kleine Hütte heller als die anderen? Vielleicht wohnt dort ein besonders kräftiges Lichterwaldwesen. Vielleicht kann es für uns alle ganz schnell wieder Licht machen.” Er blickte noch einmal auf seine leuchtenden Hände, deren Licht noch immer schwach war und eilte zu der Hütte. 

Zu seinem Erstaunen fand Phoenixos einen ziemlich kleinen Jungen an der Hütte vor, der Holz hackte. Phoenixos bemerkte, dass die Hände des anderen Jungen viel heller leuchteten als seine eigenen. “Hallo du, wohnst du hier?”, fragte Phoenixos. “Ja, ich wohne hier. Ich heiße Karim und das ist mein Kater Lux. Und wer bist du?” “Ich bin Phoenixos und wohne dahinten, am anderen Ende der Lichtung. Ich habe dein Licht gesehen und bin sofort losgelaufen. Deine Hände sind so hell, dass du im Dunkeln sogar Holz hacken kannst ohne dich zu verletzen. Wie machst du das?” 

Karim legte die Axt auf den Baumstamm und betrachtete seine Hände von allen Seiten. “Ich, ich habe keine Ahnung. Ich verstehe es auch nicht. Ich habe nichts Besonderes gemacht. Und war auch, um ehrlich zu sein, nie sehr gut darin Licht in den Lichterwald zu bringen.” Phoenixos entgegnete: “Hmm doch, vielleicht kannst du mir helfen, das Licht zurückzubringen. Ich weiß, ich bin nicht umsonst zu dir gelaufen.”

Karim überlegte einen Moment: “Also meine Nachbarn, die verteilen das Licht hier im ganzen Wald und weiter. Rahel zum Beispiel: Wenn sie singt, dann leuchten die Blüten so hell, sowas hast du noch nie gesehen! Oder Ibrahim und sein Vater da drüben im Haus. Wenn die beiden den Eichen Wasser bringen und Geschichten erzählen, dann leuchten die Eichen ihr hellstes Licht! All das, das ist toll. Ich, ich kann sowas nicht.” Phoenixos hatte sich alles gemerkt und sagte: “Karim, komm, dann lass uns schnell zu Rahel gehen und dann zu Ibrahim und seinem Vater. Wenn das stimmt, was du sagst, dann können sie vielleicht wieder alles zum Leuchten bringen!” 

Karim zögerte keine Sekunde und die beiden liefen zu Rahels Hütte. Karim klopfte und Rahel öffnete mit ein paar Tränen in den Augen: “Rahel, wieso schaust du so traurig?”, fragte Karim besorgt. “Schau mal, Karim, meine Hände, sie leuchten kaum mehr.”, antwortete Rahel. Phoenixos erinnerte sich an Karims Worte über Rahels Gesang und rief: “Rahel, geh doch raus und sing’! Dann blühen zumindest ein paar Blüten wieder!” “Ach, das bringt doch jetzt nichts mehr.”, entgegnete Rahel mit gesenktem Blick. Karim nahm Rahel vorsichtig bei den Händen und sprach: “Rahel, ich hab’ es doch mit meinen eigenen Augen gesehen und meinen eigenen Ohren gehört. Wenn du singst, dann leuchten die Blüten. Wenn du singst, wird es hell. Es ist so wunderschön, Rahel.” Rahel war berührt von Karim’s Worten. Ehe sie etwas antworten konnte, rief Phoenixos laut: “Rahel, sieh´, deine Hände! Ihr Licht wird stärker und sogar ein bisschen golden! Und die Efeublüten an deiner Tür, selbst sie beginnen zu leuchten!” Rahel strahlte: “Ich danke euch. Besonders dir, Karim. Was du an mir siehst, bringt mich zum Leuchten. Ich gehe sofort los in den Wald. Phoenixos und Karim schauten Rahel dabei zu, wie Rahel für den Wald all die Lieblingslieder sang und die ersten Blüten zu leuchten begannen. 

“Karim, lass uns keine Zeit verlieren.” sprach Phoenixos. “Zeig mir, wo Ibrahim und sein Vater wohnen!” Die beiden liefen weiter zu einer kleinen Hütte am Bachufer. Als sie klopften, öffnete Ibrahims Vater die Tür. Sein Name war Taghi. “Karim, wie schön dich zu sehen. Bist du gekommen, um mit Ibrahim zu sprechen?”, fragte Taghi. “Hallo Taghi”, antwortete Karim, “Das hier ist Phoenixos, wir sind auf der Suche nach neuem Licht und wollten mit euch beiden sprechen.” “Wie sollen wir euch denn da helfen?” Taghi hatte einen Kloß im Hals. Ibrahim quetschte sich neben seinem Vater in den Türrahmen und Karim sagte: “Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, dass bei niemandem die Eichen so zu leuchten beginnen, wie bei eurem Besuch. Ihr bringt ihnen Wasser und sprecht mit ihnen. Ich weiß nicht, wie ihr das genau macht, aber jedes einzelne Mal leuchten die Eichen noch viele Tage und Stunden, wenn ihr bei ihnen ward.” Ibrahim antwortete: ”Mein Papa erzählt ihnen immer die schönsten Geschichten. Von Helden und Heldinnen und ihren großen Abenteuern! Das lieben die Eichen!” Taghi wurde ein bißchen rot und sprach: “Ich hatte vergessen, wie gerne ich diese Geschichten erzähle. Und du, mein Sohn, kein anderer gießt ihre Wurzeln so behutsam wie du. Das genießen die Eichen und wachsen immer weiter und weiter!” “Ibrahim, Taghi, seht doch nur! Wie eure Hände wieder leuchten! Und wie sogar die Blätter der Eiche am Bachufer sanft zu leuchten beginnen!” rief Phoenixos. 

Eilig liefen Taghi mit dem Geschichtenbuch unter dem Arm und Ibrahim mit seiner Gießkanne zu den Eichen am Bachufer. “Karim”, sprach Phoenixos, “Rahel und nun auch Ibrahim und Taghi bringen die Bäume und Blüten wieder zum Leuchten. Du hast sie an ihre Leuchtkraft erinnert. Es ist schon viel heller hier im Wald. Wer fällt dir noch ein? Wen können wir noch an seine und ihre Leuchtkraft erinnern?” Karim erzählte Phoenixos von Katinka, die mit ihrem Tanz die Hagebuttensträucher zum Leuchten bringen konnte. Und von Elisabeth, die das Leuchtmoos und die Glühwürmchen beschützt. Von Malte, der mit den Borkenkäfern Lichtball spielte und Ayla, die mit ihrem Lächeln die kleinen Tannenbäume zum schneller Wachsen brachte. Karim und Phoenixos besuchten sie alle und noch viele weitere. Sie liefen die ganze Nacht durch Lichterwald. Und Karim erinnerte sie alle an ihre Leuchtkraft. Und auf dem ganzen Planeten strahlten die Hände der anderen Wesen wieder ihr warmes, goldenes Licht, wenn sie auf ihre ganz persönliche Art und Weise die Natur zum Leuchten brachten. 

Als es morgen wurde sagte Karim ganz erschöpft: “Phoenixos, uns bleibt nur noch eine Hütte übrig. Und das ist deine.” “Achso, naja,” brummte Phoenixos verlegen, “mach dir keine Gedanken. Bei mir gibt es nicht viel zu erinnern. Aber sieh doch mal! Es wird überall schon heller und golden!”. Karim freute sich über das neue Licht, ließ sich aber nicht ablenken. “Phoenixos, ich möchte dich gerne auch an deine Leuchtkraft erinnern. Wenn du nicht gewesen wärst, wenn du nicht so aufmerksam hingesehen hättest, dann hätten wir nie miteinander gesprochen. Niemandem sonst sind meine Hände aufgefallen. Und ich selbst habe nicht gewusst, was das bedeuten soll. Ich danke dir, dass du mich gesehen und gefunden hast. Gemeinsam haben wir die anderen an ihre Leuchtkraft erinnern können!” Phoenixos strahlte, als er bemerkte, dass auch seine Hände wieder zu leuchten begannen. Er fiel Karim um den Hals und seufzte: “Danke, Karim.” 

Als Phoenixos die Umarmung wieder aufgelöst hatte, bemerkte er Karims Hände. Karim, der seinen Blick gesehen hatte, sagte: “Ja ich weiß, meine Hände leuchten noch immer, aber sie sind nicht heller geworden als zuvor.” “Vielleicht”, sagte Phoenixos, “haben deine am Hellsten geleuchtet, weil du dich noch an die Leuchtkaft der anderen erinnern konntest. Du hast ihre Kraft gesehen, als sie sie schon vergessen hatten. Ich glaube, darin liegt deine Kraft zu Leuchten. Du erkennst das Leuchten der anderen. Das ist eine wundervolle Eigenschaft, Karim! Sieh nur hin, du hast so den ganzen Lichterwaldplaneten wieder zum Leuchten gebracht! Schau doch.” Und tatsächlich! Karim sah, wie die Bewohner und Bewohnerinnen des Planeten durch den Wald liefen und voller Freude ihre Lichtkraft mit den Bäumen, Blüten und den anderen Wesen teilten. Es wurde heller und heller. “Lass uns zum Weltraumradio gehen und hören, wie es um die Dunkelheit im Rest des Universums steht”, flüsterte Karim aufgeregt. Seine Hände leuchteten besonders warm und golden. 

Sie liefen in Karims Hütte, wo Lux mit leuchtenden Pfoten auf dem Sofa saß. Karim drehte das Radio auf. Aumio’s Stimme ertönte: “Gute Neuigkeiten, langsam leuchtet es wieder um uns herum. Wir können einander wieder sehen! Erinnert ihr euch daran, was ich euch vorher erzählt habe? Es braucht manchmal ein kleines Licht, damit alles heller wird. Manchmal hilft ein kleines Licht sogar dabei, die anderen Lichter wieder zum Leuchten zu bringen.” 

Zu diesem Märchen


Liebe Aumionautis, wir können auch etwas dafür tun, dass wir ein bisschen leuchten. Wir können dafür einander sagen, was wir aneinander schätzen und mögen. Ich mag an meinen Freundinnen und Freunden zum Beispiel, dass sie so viele gute Ideen haben und mir immer zuhören. Das werde ich ihn heute noch sagen. Ich danke dir fürs Zuhören und vergiss nicht heute deine Eltern, einen Freund oder eine Freundin daran zu erinnern, warum sie eigentlich so gut leuchten können.

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