Dornrosa, die Gerechte – Achtsames Märchen zu Gerechtigkeit & Mut

Über dieses Märchen


Dornrosa, die gerechte Königin, wird vom  murmelnden Mundro, einem Zauberwesen, verzaubert: 10 Jahre soll sie schlafen! Nur ein Akt der Liebe kann sie noch retten. Das Tal der mutigen Menschen, das Dornrosa regiert, liebt seine gerechte Königin. So überlegt das ganze Dorf gemeinsam, wie es es die Königin nun retten kann. Smila, die Mutige, hat dabei eine gewagte Idee: den mürrischen Mundro und seinen wütenden Feuerkobold einzuladen und zu fragen, warum sie denn so wütend sind. Na, ob das wohl gut geht? 

Werte und Worte: Kinder lernen in dieser Geschichte etwas über Gerechtigkeit und die vielen verschiedenen Formen von Mut. Vieles in der Geschichte widerspricht der Ursprungsgeschichte. Eines jedoch besonders: ein ganzes Dorf, ein mutiges, achtsames Dorf rettet seine Königin, indem es gemeinsam nach Lösungen sucht und nach Gefühlen fragt.

Sprechzeit: ca. 13-15 Minuten

Sprachniveau: leicht herausfordernd, übend, für Grundschulkinder ab der 2./3. Klasse

 

Dornrosa, die Gerechte – Ein modernes Märchen über ein mutiges, achtsames Dorf.

Angelehnt an Grimms Märchen “Dornröschen”. Von Carmen Nik Nafs.

 

Vor langer, langer Zeit lebte auf einem fernen Planeten eine Königin namens Dornrosa. Das Dorf, das sie regierte, nannte man das Tal der Mutigen. Vor ihr gab es bereits viele Könige und Königinnen dort. Doch keine war so mutig und so gerecht wie sie. Darum nannten alle Menschen sie Dornrosa, die Gerechte. Gerecht ist man zum Beispiel, wenn man möchte, dass alle genug zu Essen und ein Zuhause haben.  Oder dass alle zur Schulen gehen können. – Nach dem Tag ihrer Krönung ließ Dornrosa alle Bewohner und Bewohnerinnen des Tals im Schloss zusammenkommen. Dort verkündete sie fröhlich: “Liebes Tal der mutigen Menschen, ich möchte für euch eine gerechte Königin sein. Denn manchmal ist man am mutigsten, wenn man gerecht ist. Ihr habt lange Zeit den Königen vor mir so viel Essen und Dinge geben müssen. Dabei habt ihr manchmal selbst kaum etwas gehabt. Nun soll es anders werden. Auch ihr sollt genug auf euren Tellern und ein gutes Leben haben”. Die Menschen jubelten und freuten sich: Die Zeit der gerechten Königin war gekommen!

3 Tage und 3 Nächte nachdem die Königin zu den Menschen im Schloss gesprochen hatte, war etwas Schreckliches passiert. Mundro, das murmelnde Zauberwesen, das seit 300 Jahren bei den Königen lebte, hatte Dornrosa verzaubert. “Zehn Jahre soll sie nun schlafen, oben, weit oben im Turm.”, murmelte Mundro mürrisch. “Schlafen soll sie so lang, damit sie zur Vernunft kommt! Sie kann nach so vielen Jahrhunderten nicht plötzlich alles ändern! So viel Gerechtigkeit, wo kommen wir denn da hin? Es war schon immer so und soll für immer auch so bleiben. Keiner soll sie retten. Nur ein Akt der Liebe kann sie aus dem Schlaf noch wecken.” So sperrte der mürrische Mundro die verzauberte, schlafende Dornrosa in den Turm. Fralawandu, der Feuerkobold sollte den Turm beschützen, damit niemand Dornrosa mit einem Akt der Liebe retten kann.

Die Menschen im Tal der Mutigen versammelten sich aufgeregt auf dem Marktplatz. Sie hatten gehört, was passiert war. Ihre geliebte, gerechte Königin war verzaubert worden! Zehn Jahre lang sollten sie nun alle ohne sie im Tal leben!

Ich bitte um Ruuuuuhe”, rief Opa Meisel, der der Schmied im Tal war und den alle sehr gerne mochten. Opa Meisel wusste meistens, wie man ein Problem lösen konnte. Er sprach: “Liebe Freundinnen und Freunde, wir sind alle sehr aufgeregt. Lasst uns erstmal gemeinsam dreimal tief ein und ausatmen.” Und all die mutigen Menschen atmeten tief ein (mmmm) und wieder aus (mmmmmm). Tief ein. Und wieder aus. Tief ein. Und wieder aus. “Wir finden einen Weg unsere Königin zu retten”, sagte Opa Meisel weiter.Der Rat der weisen Kinder und ich haben uns etwas überlegt: Jede und jeder aus dem Dorf darf uns von seiner Idee, wie wir die Königin retten können erzählen. Der Rat der weisen Kinder darf dann entscheiden, welche Idee uns helfen wird”. Und so geschah es.

Zuerst sprach die wütende Warka: “Meine Idee ist, dass wir kämpfen! Gegen das böse Zauberwesen Mundro und gegen den Feuerkobold Fralawandu, der den Turm beschützt!” Alle hörten aufmerksam zu.

Dann sprach der Rat der weisen Kinder: ”Warka, wir können sehr gut verstehen, dass du wütend bist. Wir sind es auch. Wir glauben jedoch, dass Kämpfen und Wut uns nicht unsere geliebte Königin zurückbringen kann.”

Dann rief Ole seine Idee laut dem Rat der weisen Kinder entgegen: “Ich mach’ das schon. Ich schaff’ das ganz alleine. Ich geh hin und regel das mit einer List. Ich tricks’ die aus! Ihr werdet schon sehen!” Der Rat der weisen Kinder bewunderte Ole für seinen Mut. Jonathan, das weiseste aller Kinder, sprach aber: “Ole, wir glauben nicht, dass unsere gerechte Königin von dir allein und mit einer List gerettet werden soll. Mundro sagte doch, es muss ein Akt der Liebe sein.” 

Nun meldete sich Smila zu Wort. Normalerweise findet man Smila leise lesend in der Sonne. Doch an jenem Tag stellte Smila laut und mutig den anderen ihre Idee vor und erzählte: “Vor ein paar Wochen fand’ ich einen kleinen Kasten. Auf ihm stand Weltraum-Radio und direkt darunter war ein großer Knopf. Als ich auf den Knopf drückte, kam plötzlich eine Stimme aus dem Kasten. “Hallo, ich bin Aumio!”,  sagte sie. Seitdem mache ich immer wieder den Kasten an und höre Aumio zu. Aumio ist ein Weltraumwesen, das einen auf viele Abenteuer in ferne Galaxien mitnimmt. Dabei lernt Aumio immer etwas Neues. Und ich auch! Gestern sagte Aumio: “Manchmal ist es besonders mutig, wenn man sich selbst oder andere fragt, was sie eigentlich fühlen. Es ist zwar manchmal gar nicht so leicht das zu fragen; es kann aber ab und zu sogar Probleme lösen. Ich schlage also vor, wir werden mutig sein! Wir laden Mundro und Fralawandu zu uns morgen auf den Marktplatz ein. Wir werden sie dann fragen, warum sie eigentlich so wütend sind und uns unsere Königin genommen haben!”

Dem Rat der weisen Kinder gefiel diese Idee und so wurde es gemacht wie von Smila vorgeschlagen. Die anderen Bewohner*innen des Tals waren sich noch nicht sicher, ob das wohl eine gute Idee war. “Den wütenden Feuerkobold und den mürrischen Mundro zu uns einladen? Das ist aber ganz schön mutig”, raunten sie.

Mundro und Fralawandu nahmen neugierig Smilas Einladung an und kamen am nächsten Tag zum Marktplatz gelaufen. Als sie ankamen, waren bereits alle Talbewohner und -bewohnerinnen versammelt. Die meisten war sehr aufgeregt. In die Stille sprach dann Smila: “Hallo Mundro, Hallo Fralawandu. Schön, dass ihr gekommen seid. Wir haben euch eingeladen, um euch zu sagen: Wir wollen unsere Königin wieder haben! Und (!) wir wollen euch etwas fragen.”

“Ha!  lachte Mundro auf, was wollt ihr mich denn fragen?”

“Wir möchten wissen: warum hast du die Königin verzaubert?”, fragte Smila bestimmt.

“Na, weil ich mürrisch und wirklich sauer bin!”, schimpfte Mundro. 

Und, was hat dich so sauer gemacht?” fragte Smila mutig.

“Die Königin wollte alles verändern. Alles, was seit 300 Jahren schon immer so war. Damals musstet ihr uns so viel an Essen und Dingen schenken, wie wir Könige und Zauberwesen eben wollten. Ich habe Angst, dass ich nichts mehr zu essen haben werde, wenn Dornrosa nun alles gerechter machen will. Ihr werdet dann sicher nichts mehr zu uns ins Schloss bringen, weil ihr nicht mehr müsst. Ja, und darum bin ich mürrisch.” 

“Ach Mundro, sagte Smila. Wir werden euch weiterhin Geschenke aus unseren Gärten und Höfen ins Schloss bringen. Doch von nun an weil wir wollen und nicht weil wir müssen. Von nun an können wir sogar hier gemeinsam auf dem Marktplatz feiern und schmausen, weil genug für alle da sein wird. – Wir wünschen uns nun, dass du die Königin aus dem Schlaf und Turm befreist. Noch heute Nacht.”

“Mundro grübelte lange nach und antwortete dann:”Ich möchte mich entschuldigen. Bei euch. Und auch bei Dornrosa. Ich war mürrisch und sauer. Und ich hatte Angst. Ich habe erst jetzt verstanden, dass es keinen Grund dafür gab.”

Der Rat der weisen Kinder nickte Mundro zu und lächelte ihn freundlich an.

“Nun zu dir, Fralawandu”, sagte Smila. “Warum wütest du so wütend um den Turm umher und lässt niemanden zu Dornrosa?” 

“Naja, weil”, grummelte Fralawandu “ich seit 600 Jahren immer nur für Hexen und Zauberer arbeite, die jemanden verfluchen oder wegsperren wollen. Alles was ich schließlich kann ist Feuerspucken und Menschen damit vom Turm verjagen.”

Von der anderen Seite des Markplatzes lachte Opa Meisel laut auf: “Fralawandu, du treuer Feuerspucker. Ich bin schon lange Zeit der Schmied hier im Dorf. Das Feuer wird mir langsam zu heiß. Du als Feuerkobold kannst mir doch behilflich sein! Ich würde mich sehr freuen!”

Lange grübelte Fralawandu vor sich hin und brummte dann durch seinen Feuerbart: “Oh, das würd’ ich gern. Dann muss ich auch nicht mehr wütend diesen Turm bewachen, oder?.” Mundro, der Fralawandus fragenden Blick gesehen hatte, antwortete: “Ja, ich weiß, den Turm wird von nun an keiner mehr bewachen müssen. Ich gehe sofort und befreie die Königin aus ihrem Schlaf.”

“Das musst du nicht”, sagte eine freundliche vertraute Stimme hinter Mundro laut. “Ich bin schon hier!”

“Die Königin?” fragten sich Mundro und die Bewohner des Tals laut. “Bist du’s? Wie kann das sein?”

“Oh, ihr mutigen Menschen. Ein Akt der Liebe sollte mich doch aus dem Schlaf erwecken. Dafür brauchte ich keinen Kuss von einem mir unbekannten Menschen. Was hier nun eben auf dem Marktplatz geschah, war ein Akt der Liebe. Ihr habt miteinander gesprochen, euch eure Gefühle beschrieben. Ihr habt euch zugehört. Ihr wart alle sehr mutig, jede und jeder auf seine Weise. Manche hatten Ideen, um mich zu retten. Manche haben entschieden. Und manche sehr gut zugehört. Mundro war so mutig und hat von seiner Angst erzählt. Fralawandu ist so mutig und wird nun der neue Schmied. Ich danke euch. Besonders danken möcht’ ich jedoch Smila, die von Aumio gelernt hat, dass wir über Gefühle sprechen können. Das war eine sehr mutige Idee.”

Das ganze Tal der mutigen Menschen freute sich. 

Sie feierten ein Fest, dass das schönste und bunteste war, das je im Tal der mutigen Menschen gefeiert wurde.

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