Eine Geschichte über Schneewittchen, die loszog und die Neugier wiederfand

Ein modernes Märchen über die wunderbare Eigenschaft neugierig zu sein.

Von Carmen Nik Nafs

 

Vor langer, langer Zeit lebte Schneewittchen in einer großen Stadt namens Scivolemo. Scivolemo war einmal die Hauptstadt der Ideen-Galaxie. Berühmt war diese Stadt besonders für ihre neugierigen Bewohner und Bewohnerinnen. Weil sie so neugierig waren, achteten sie ganz genau auf sich und auf die vielen Fragen, die man sich stellen kann. So fragten sie dort sehr oft ihre Freunde oder Nachbar*innen: “Wie geht es dir heute?” oder “Kannst du heute bei etwas Hilfe gebrauchen?”. Auf diese Weise erblühte den Bewohnern von Scivolemo ein schönes Miteinander. Ihre große Neugier brachte den Scivolemiern auch allerhand fantastische Erfindungen: neue Sprachen wurden erfunden, die alle ganz schnell lernen konnten. Sie erfanden die schönsten Musikstücke und hatten die blühendsten Gärten. Sie schrieben kluge Glücks-Gesetze für alle und mmmh, die leckersten Rezepte. Sie waren so neugierig, dass sie unbedingt sichere Straßen erfinden wollten. Und Brücken und Busse, die mit Sonnenlicht fahren. Sich zusammen etwas neugierig auszudenken, das liebte man in Scivolemo. Das war so, weil niiirgends im Universum so viele neugierige Kinder und Erwachsene lebten wie hier. Sogar die Tiere waren neugierig. Seit 700 Jahren war das schon so. Damals hat Scivulia, die erste Bürgermeisterin von Scivolemo, die erste Frage gestellt: Wie schaffen wir es, dass wir in Scivolemo immer fröhlich und neugierig bleiben werden? – Seitdem konnten die Scivolemier jeden Sonntag ihre neugierigen Fragen und Ideen in den Rathausturm bringen. Direkt neben der Turmglocke hing ein sprechender Briefkasten. Er bedankte sich, wenn er eine Frage schlucken durfte und gab der Glocke Bescheid. Die Glocke läutete dann zweimal fröhlich und alle Bewohner*innen Scivolemos freuten sich: “Wir sind die Stadt der Fragenden und Neugierigen. Hier wird getanzt und getüftelt. Hier sind wir glücklich.” So war das einmal in Scivolemo. 

Doch mit der Zeit läuteten die Glocken immer weniger. Erst hörten die Tiere auf neugierig zu sein. Dann die Erwachsenen. Und am Ende sogar die Kinder. Irgendwann brachte kein Tier und kein Mensch Scivolemos mehr Fragen in den Turm. Der Briefkasten hörte auf zu sprechen, die Glocke läutete keinen Ton mehr. Eines Morgens schließlich, trat der Turmwächter mit einem großen Schlüssel an die Tür des Turms und sprach: “Ich schließe hier zu. Es kommt ja sowieso keiner mehr mit Ideen oder Fragen. In Scivolemo ist niemand mehr, der neugierig ist.” Tatsächlich gab es mit der Zeit in ganz Scivolemo keine einzige Frage mehr. Die Menschen hatten aufgehört sich oder einander neugierige Fragen zu stellen. Oder Ideen zu haben! Niemand wusste so genau, warum das so gekommen war. Pulto, der Älteste in Scivolemo, sagte einmal: “Ach, wir hatten alle immer weniger Zeit Fragen zu stellen. Alles wurde immer schneller und schwieriger für uns. Zuerst hörten wir auf, Musikstücke zu suchen, dann endeten irgendwann die Geschichten und am Ende schlossen auch unsere Werkstätten. Die Fragen waren alle weg. Und wir haben vergessen, wie wir sie zurückbekommen.” Es war still und trüb geworden in Scivolemo. –

Doch eine Bewohnerin der Stadt gab es, die es nicht verlernt hatte neugierig zu sein. Schneewittchen war ihr Name. Sie ging in die 3. Klasse der Grundschule in Scivolemo. Gerne ging sie nicht in die Schule. Es war langweilig, wenn niemand außer ihr noch Fragen stellte. Sie war allein mit ihren Gedanken, Ideen und all den vielen neugierigen Fragen in ihrem Kopf. Frustriert von einer langweiligen Unterrichtsstunde lief sie so eines Tages den Schulgang entlang und dachte: “Es war doch nicht immer so! Ich muss uns die Fragen und die Neugier wiederfinden! Doch wie mach‘ ich das nur?” Da zappelte und rappelte es plötzlich in ihrer Schultasche, die nur locker auf ihrer Schulter hing. Schneewittchen öffnete vorsichtig ihre Tasche. Verwundert erblickte sie einen kleinen Handspiegel, den sie zuvor noch nie gesehen hatte. Sie nahm ihn langsam in die linke Hand und fuhr neugierig mit den Fingern ihrer rechten Hand über die Schrift am Spiegelrand. Schneewittchen las flüsternd vor, was dort stand: “Spieglein, Spieglein…”

Da leuchtete der Spiegel plötzlich auf und begann mit ihr zu sprechen! Er flüsterte so leise wie sie: “Verrat mir deine Frage!” Schneewittchen räusperte sich ein wenig und fragte dann: “Spieglein, Spieglein, kannst du mir sagen, wo find‘ ich sie wieder: all die Neugier und Fragen?” 

Der Spiegel antwortete leise: “Lauf zu den sieben neugierigen Zwergen. Hinter den sieben Bergen. Ich weise dir den Weg.” Schneewittchen schnürte ihre Stiefel fester und lief in die Richtung, die ihr der Spiegel deutete, los. 

sSie lief viele Stunden über Stock und Stein mit dem Spiegel in der Hand auf der Suche nach den sieben neugierigen Zwergen. Es war bereits dunkel geworden. Da begann der Spiegel erneut zu leuchten. “Ich bin da. Das muss das Haus der 7 Zwerge sein”, ahnte Schneewittchen als sie am Ende des Weges ein kleines Häuschen sah. Sie ging entschlossen zur der kleinen hölzernen Türe und klopfte dreimal. Langsam öffnete sie sich und ein alter Zwerg lächelte ihr freundlich entgegen. “Schneewittchen, du kommst zur rechten Zeit. Komm herein und trinke einen Tee mit uns. Ich heiße übrigens Filmu.” Schneewittchen trat langsam ins Haus der sieben Zwerge, die alle um einen großen Tisch versammelt saßen. “Hallo!” schallte es im Chor. “Du musst die letzte Neugierige aus Scivolemo sein. Schneewittchen, richtig? Setz‘ dich und erzähle uns!”, sagten die Zwerge. Schneewittchen nickte schüchtern und sah sich erst einmal im Zimmer um. “Was seid ihr denn?” fragte Schneewittchen erstaunt und deutete auf kleine wirbelnde Regenbögen, die an der Decke des Zimmers kleine Kreise drehten. Ihr Blick schweifte zur linken Ecke des Raumes. Dort stand eine Bank mit wunderschönen, geschnitzten Holzfiguren. Und aus der anderen Ecke zischte und rauchte es in bunten Farben aus kleinen Gläsern. “Ach, da versuche ich gerade eine neue Medizin für hustende Hunde zu erfinden”, sagte Filmu, der ihr eine Teetasse auf den Tisch stellte. “Die Regenbögen hat Merle mit einer neuen Physikformel gebaut und die Holzfiguren hat Jakob geschnitzt. Er deutete auf die zwei Zwerge am hinteren Ende des Tisches. “Mir scheint, ich bin am richtigen Ort”, sagte Schneewittchen und lächelte.  Viele Stunden lang erzählte Schneewittchen den sieben neugierigen Zwergen anschließend, wie es in Scivolemo zuging. Nach einer Weile fragte sie: “Liebe Zwerge, meint ihr denn, ihr könntet mir helfen? Ich wünsche mir, dass wir in Scivolemo wieder neugierig und voller Fragen sind! Wir könnten einander erneut fragen, wie es uns geht und die schönsten Dinge erfinden! Wir könnten wieder fragen: Wie baut man eine Brücke? Wie spielt man ein Klavier? Wie viele Eisschollen gibt es noch? Woher kommen eigentlich Farben? Warum heißt Montag Montag? Schneewittchen wurde immer aufgeregter. Bis Mulfo, der ruhigste aller Zwerge sie freundlich unterbrach: “Schneewittchen, bist du nervös? Das kennen wir auch. Da schwirrt einem vor lauter Neugier manchmal der Kopf. Aumio, ein alter Freund von uns, hat uns einmal eine tolle Übung dazu gezeigt. Komm, wir atmen gemeinsam dreimal tief ein und aus…. Mmmmm…….hhhhhhh. Noch einmal….mmmmm…..hhhhh. Und ein letztes Mal….mmmmm…..hhhhh. Das Atmen und der Geruch des warmen Tees, den Filmu gebracht hatte, beruhigten Schneewittchen wieder. Mulfo sprach weiter: “Schneewittchen, wir sind froh, dass unser Spiegel dich gefunden hat. Er sollte die letzte noch neugierige Person der Hauptstadt suchen und zu uns bringen. Denn wir möchten dir helfen. Und ich habe auch schon eine Idee. Deine Aufgabe ist es nun, diese kleinen Einladungen an die tanzenden Regenbögen zu hängen und sie mit nach Scivolemo zu nehmen. Dort verteilst du sie an alle Bewohner und Bewohnerinnen, die du finden kannst. Und wenn alles gut geht, dann nehmen sie die Einladung an.”

Schneewittchen zögerte nicht lang und wenige Zeit später lief sie mit den winzigen, tanzenden Regenbögen und Einladungen im Gepäck nach Scivolemo. Dort verteilte sie sie dann an alle Scivolemier, die sie finden konnte. In die Einladungen hatte Mulfo geschrieben: “ Liebe Scivolemier, am Montagmorgen seid ihr herzlich eingeladen bei den 7 neugierigen Zwergen hinter den 7 Bergen. Wir möchten euch etwas schenken. Etwas, das ihr verloren habt.” Die Menschen wurden, ohne es zu merken, ein klitzekleines bisschen neugierig, als sie das lasen und die tanzenden Regenbögen in ihren Einladungen fanden… –

So vergingen ein paar Tage bis Montag gekommen war. Mulfo, der sonst ganz ruhig war, war heute selbst ein bisschen aufgeregt. “Ob wohl überhaupt jemand kommen wird? Ob sie wohl unsere Einladung annehmen werden” fragte er die anderen Zwerge. Da sah er von Weitem wie viele, viele Scivolemier – Schneewittchen allen voran – in ihre Richtung kamen. Sie versammelten sich langsam vor dem Haus der Zwerge, wo nun ein großer Banner mit moosgrünem Schriftzug hing: Die Montagsschule für Neugierige und ihre Fragen! 

“Liebes Schneewittchen, liebe Scivolemier. Schön, dass ihr alle gekommen seid.” , begann Mulfo zu sprechen. ”Hinter euch liegt eine lange Zeit ohne Fragen, ohne Neugier. Der Rathausturm wurde geschlossen und euch fehlte die Kraft und die Zeit für Fragen. Euch fehlte die Ruhe und ein Ort für all eure tollen Erfindungen. Nun, wir haben ein Geschenk für euch. Wir möchten euch Zeit schenken. Daher haben wir eine Schule für all eure Fragen gegründet. Jeden Montag könnt ihr von nun an hierher, in unser Zwergenhaus kommen und mit uns gemeinsam neugierig sein. Ihr werdet sehen, die Zeit wird von alleine wiederkommen. Und für heute: Merle ist bereits hinten im Garten und übt mit den Hunden ein paar neue Seiltricks. Gufilo tüftelt gerade an einem Iglu für Igel. Ich werde heute mit jenen von euch Musik spielen, die es möchten. Knarrende Harfe vielleicht? Und im Zirkuszelt der Gefühle und Gefährten wird Theater gespielt!” Ein kleiner Scivolemier aus der ersten Reihe machte den Anfang und rief: “Ich bau bei den Igel-Iglus mit! Wie macht man denn nur so kleine Iglus?” Seine Frage mit gerunzelter Stirn gestellt, lief er los und machte sich ans Werk mit Zwerg Gufilo. Langsam verteilten sich alle Scivolemier in der Montagsschule – beeindruckt von der Frage des kleinen Jungen. Es gefiel ihnen sehr in ihrer neuen Montagsschule für neugierige Fragen. Am allermeisten Schneewittchen, die sich freute, dass alle gemeinsam wieder begannen zu fragen.

Von nun an kamen die Scivolemier bald jeden Montag zu den sieben neugierigen Zwergen in die Schule. Sie begannen einander wieder voller Neugier Fragen zu stellen. Sie erfanden gemeinsam mit den Zwergen allerlei Tänze, Türme und tollste Dinge! An einem sehr sonnigen Montag sprach Schneewittchen unter dem Banner der Schule stehend: “Der Rathausturm ist wieder aufgesperrt! Nun, wo wir unsere Fragen wiederhaben, wird die Glocke wieder läuten können!” Mulfo begann leise zu klatschen und die Scivolemier stiegen fröhlich mit ein bis bald alle jubelten und klatschten. Schneewittchen strahlte über beide Ohren. Sie rief: “Es lebe die Neugier! Und wir mit unseren Fragen!” Mit der Zeit wussten die Bewohner des ganzen Universums wieder: Scivolemo, der Ort der Erfindungen und Fragen: Er ist wieder da!”

Neugier

Kennst du das, neugierig sein? Oder hast du sogar schon einmal etwas erfunden? Eine Geschichte z.B.? Ich finde, Neugier ist etwas richtig Tolles. Manchmal kitzelt mir dann sogar die Nase vor Aufregung! Frag doch deine Eltern heute Mal: Wann wart ihr das letzte Mal so richtig neugierig?

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